The Sounds of Earth

The Sounds of Earth: Eine Botschaft an die Zukunft

 

Falls ein außerirdisches Raumschiff in einer Milliarde Jahren zufällig unser Sonnensystem durchkreuzen und der Erde einen Besuch abstatten sollte, welche Überbleibsel unserer menschlichen Zivilisation würde dessen Besatzung dann wohl noch vorfinden?

Ein paar tausend Tonnen giftiger Atommüll, tief unter der Erde vergraben?

Den Sternenbanner, welchen die Apollo Astronauten auf dem Mond zurückgelassen haben?

Die Goldreserven von Fort Knox?

Diese und andere Reste unserer Kultur werden vielleicht noch in ein paar Jahrtausenden, manche womöglich sogar noch in Millionen von Jahren zu finden sein. Aber diese Zeiträume sind verschwindend kurz, gemessen an jenen, in denen sich kosmische Ereignisse abspielen.

Unsere Sonne, zum Beispiel, erleuchtet den Himmel seit über viereinhalb Milliarden Jahren.

Die Spezies Mensch, in ihrer heutigen Form, existiert jedoch erst seit noch nicht einmal 200.000 Jahren. Die Geschichte der Menschheit macht also weniger als 0,005 Prozent der bisherigen Lebenszeit unseres Sonnensystems aus.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum vorstellbar, dass irgendetwas von Menschenhand erschaffenes die kommenden tausend Millionen Jahre überdauern wird. Falls also tatsächlich irgendeine extraterristische Rasse dann unseren blauen Planeten erkunden sollte, wird es für sie so wirken, als hätte die Spezies Mensch niemals existiert. Sie würde eine Welt vorfinden, in der sämtliche Tier- und Pflanzenarten spurlos verschwunden sind, da die Intensität der Sonnenstrahlung inzwischen so stark zugenommen hat, dass höhere Lebensformen nicht mehr auf der Erde überleben könnten. Absolut nichts würde darauf hindeuten, dass die Erde vor langer, langer Zeit die Heimat einer Spezies war, die sich selbst als Herr der Welt fühlte, als Krone der Schöpfung, die unermesslich Stolz auf ihre kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Leistungen war.

Im Laufe der Äonen wären alle Errungenschaften der Menschheit spurlos im Nebel der kosmischen Geschichte verschwunden...

Oder vielleicht doch nicht?

Im Spätsommer des Jahres 1977 wurden von Cape Kennedy in Florida zwei Raumsonden gestartet, deren Aufgabe darin bestand die großen Gasplaneten des Sonnensystems aus nächster Nähe zu erforschen.

Ihre Namen waren Voyager 1 und Voyager 2.

Neben den zahlreichen, für die Durchführung ihrer Mission notwendigen Messinstrumenten befanden sich an jedem der beiden Raumfahrzeuge jeweils eine goldene Datenplatte. Diese enthalten Informationen über das menschliche Leben in all seinen Facetten, die außerirdischen Wesen, welche die Sonden vielleicht finden, ein Bild von unserer kleinen Welt vermitteln sollen.

Neben 116 Fotos aus dem Alltag unserer globalen Zivilisation, sind auf diesen beiden, als The Sounds of Earth oder Voyager Golden Records bezeichneten Datenträgern, noch 55 Musikstücke aus allen Teilen der Welt, sowie Grußbotschaften in vielen verschiedenen Sprachen enthalten.

Angesichts der unvorstellbaren Größe des Kosmos besteht praktisch keine nennenswerte Chance, dass die beiden Platten wirklich jemals von fremden Lebensformen gefunden werden.

Aber der Zweck jener Botschaft zu den Sternen bestand nur Vordergründig betrachtet darin anderen Intelligenzen Kunde von unserer Existenz zu geben.

Vor allem ging es darum uns selbst besser kennenzulernen, und uns darüber im klaren zu werden wer wir eigentlich sind. Eine geschriebene Nachricht des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, die sich ebenfalls auf den Voyager Golden Records befindet, macht dies besonders deutlich:

„Dies ist ein Geschenk einer kleinen, weit entfernten Welt, eine Probe unserer Klänge, unserer Wissenschaft, unserer Bilder, unserer Musik, unserer Gedanken und unserer Gefühle. Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

Carters Worte drücken aus, was für eine Hoffnung wirklich hinter unseren Ansinnen stand, Informationen über uns in das All zu schicken: Es war der Wunsch etwas zu hinterlassen, was über das Ende unserer Spezies hinaus bestand hat, falls wir uns eines Tages doch noch selbst vernichten sollten.

Denn zur Zeit befindet sich unsere Zivilisation in einer besonders kritischen Phase ihrer Entwicklung.

Der Mensch ist schon vor langer Zeit zur größten Gefahr für sich selbst geworden. All die selbst geschaffenen Probleme wie die Zerstörung der Umwelt, die Bedrohung durch atomare Waffen oder die Überbevölkerung des Planeten stellen unseren Fortbestand ernsthaft in Frage und lassen es zunehmend fraglich erscheinen, dass wir uns noch zu einer Spezies hin entwickeln werden, die zu den Sternen aufbrechen wird.

Doch trotz all der Kämpfe, die die Menschen untereinander aus religiösen, nationalistischen oder ökonomischen Gründen führen verfolgen wir alle das gleiche Ziel:

Wir streben danach mehr aus uns zu machen als wir sind, um auf diese Weise schließlich über uns selbst hinaus zu wachsen.

Die beiden Voyager Golden Records sind ein Vermächtnis all unserer positiven Eigenheiten. Sie sind der Versuch das Beste von uns für die Ewigkeit lebendig zu halten, in der leisen Hoffnung eine andere Zivilisation möge durch sie eines fernen Tages davon erfahren, dass es auf einem winzigen blauen Planeten in einem unbedeutenden Winkel der Milchstraße einmal Wesen gab, die Tag für Tag um ihr überleben gekämpft haben, weil sie nie den Glauben verloren, dass ihre besten Eigenschaften die Oberhand über die destruktiven Teile ihres Naturells die überhand behalten würden.

Die Botschaften der Voyager Sonden versinnbildlichen – ebenso wie die Raumfahrzeuge selbst – die nobelsten Züge unserer Art: Der Intelligenz, dem technischen Geschick, der Leidenschaft und der Neugierde von hunderten Menschen verdanken die beiden Sonden ihre Existenz. Sie alle stellten diese Eigenschaften in den Dienst unserer Bemühungen die Welt zu erforschen und zu verstehen und dafür keine Kosten und Mühen zu scheuen.

Diese Menschen erinnern uns durch ihre Arbeit daran, dass unser Wunsch nach Unsterblichkeit eben nicht zwangsläufig auf religiösen Fanatismus hinauslaufen muss. Er veranlasst uns auch dazu über uns selbst nachzudenken, darüber was uns als Spezies betrachtet wichtig ist und wie wir unserer Existenz einen Sinn geben können.

Wenn wir unsere ganze Kraft darauf konzentrieren unser Universum friedlich zu erforschen, nutzen wir die Möglichkeiten des menschlichen Geistes auf die denkbar sinnvollste Weise. Denn nur wir Menschen besitzen die Fähigkeit zu begreifen wie unsere Welt funktioniert, und wunderbarerweise liegt es in unserer Natur Freude dabei zu empfinden diese Fähigkeit zu benutzen.

Wenn es uns gelingt uns diese Freude zu bewahren, wird unsere Art vielleicht doch noch eine große Zukunft vor sich haben.

Bis es soweit ist, werden die beiden Voyager Sonden bis auf weiteres die am weitesten von der Erde entfernten, von Menschenhand geschaffenen Artefakte bleiben. Noch in hundertausenden von Jahren werden diese kleinen Apparate durch das leere Vakuum des interstellaren Raumes gleiten.

Wenn ihre Energiequellen längst versiegt und ihre Messinstrumente schon seit langer Zeit ihren Dienst eingestellt haben, werden die Sonden als kosmische Flaschenpost der Menschheit noch immer auf ihrer großen Reise unterwegs sein und dabei in Gebiete des Alls vordringen, in denen Wunder auf sie warten, die wir Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts uns noch nicht einmal vorzustellen vermögen.

Aber wenn wir diese genialen Schöpfungen unseres Erfindungsgeistes nicht vergessen werden, werden ihnen irgendwann, in einer weit vor uns liegenden Zukunft, vielleicht bemannte Raumschiffe von der Erde nachfolgen. Sie werden die Sonden wieder einfangen und nach Hause zurückbringen, wo unsere fernen Nachfahren die goldenen Datenplatten voller Neugierde abspielen werden.

Sie werden ihnen dann die Geschichte einer längst vergangen Generation von Menschen erzählen, die die Voyager Sonden einst auf ihre hoffnungsvolle Forschungsreise sendeten, in der leisen Hoffnung mit ihrer Hilfe in Kontakt mit Brüdern und Schwestern im Kosmos treten zu können. Statt eine Kommunikation mit exotischen, fremden Wesen zu ermöglichen, hätten die Botschaften der Voyager Golden Records dazu beigetragen, dass Menschen der Zukunft lernen wie ihre frühen Vorfahren lebten, dachten und fühlten. Dann hätten die Sonden ihr Ziel doch noch erreicht: Die Menschen unserer heutigen Gegenwart, welche sie auf ihre Reise schickten, wären schließlich durch sie unsterblich geworden, indem die Früchte ihrer Arbeit bis weit in die Zukunft hinein überdauert hätten, und den Menschen jener Zukunft vom Erbe ihrer Schöpfer erzählten...

(Ein Link zu einer Webseite, die eine vollständige Liste aller auf den Voyager Golden Records gespeicherten Dokumente enthält, ist in der Linkliste zu finden.)