Vor einigen Jahren las ich einen Artikel darüber wie sehr die Erfahrung eines Raumfluges einen Menschen verändert. Astronauten berichten davon, dass der Anblick der Erde aus dem All ihre Wahrnehmung auf ihr Leben verändert hat. Sie sahen sich fortan nicht mehr als Amerikaner, Russen, Chinesen oder Europäer, sondern als Bewohner des Planeten Erde, für welche die Unterschiede zwischen den Völkern der Welt keine Rolle mehr spielten.

Dieser Artikel beschäftigte mich sehr und ließ mich auf folgende Frage kommen: Wenn ein Mensch, der einmal im Weltraum war nach seiner Rückkehr zur Erde in vielerlei Hinsicht nicht mehr derselbe ist wie zuvor, wie würde dann ein Mensch sein, der im Weltraum geboren wurde? Wie würde ein solcher Mensch die Welt sehen?

So kam mir die Idee zu meiner Geschichte. Sie hat den Titel "Das erste Kind" und ist ab sofort als E-Book zu haben, überall wo es E-Books gibt und auch auf der Seite des Verlages "In Farbe und Bunt": www.ifub-verlag.de

Allen Interessierten wünsche ich auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen!

Als kleinen Appetitanreger gibt's hier schon mal eine kleine Leseprobe:

 

Das Jahr 2078

Elisabeth hätte am liebsten das Fenster aufgerissen und ihre Lungen mit frischer Luft gefüllt.

Mit geschlossenen Augen stellte sie sich – bestimmt schon zum hundertsten Mal – vor, wie es sein müsste, ganz ohne Raumanzug über die Oberfläche des Planeten zu laufen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Dann hätte sie sich auf den Rücken gelegt und sich auf die Suche nach jenem winzigen blauen Punkt irgendwo dort oben am Firmament gemacht, der ihre eigentliche Heimatwelt war. Sie hätte die nach Wildblumen und Moos duftende Luft tief eingeatmet, so wie es für die Menschen dort oben auf der Erde früher einmal so selbstverständlich – zu selbstverständlich – gewesen war. Und falls es zu regnen begann, hätte sie sich nicht etwa unter einem Baum versteckt, sondern wäre einfach liegen geblieben und hätte das belebende Gefühl genossen, wenn die kühlen Wassertropfen sanft auf ihr Gesicht fielen. Es war ein wunderschöner Tagtraum, dem sie sich da hingab.

Doch dann öffnete sie ihre Augen. Die Landschaft, die sich ihr dort draußen darbot, erinnerte sie daran, dass sie sich auf einer Welt befand, auf der es eben nicht so ohne weiteres möglich war, an die Luft zu gehen. Hier gab es so etwas noch nicht. Ebenso wenig wie Wildblumen, Bäume, Moos oder einen erfrischenden Sommerregen. Die Atmosphäre hier bestand aus giftigen Gasen, vor allem Kohlendioxid, welche für jedwede Form von Leben absolut tödlich waren. Am Horizont ging eine weit entfernte Sonne an einem scharlachroten Himmel auf und erhellte mit ihrem fahlen Licht eine felsige, tote Einöde.

Dies war definitiv kein angenehmer Ort, doch für Elisabeth war er ihre Heimat. Sie fühlte sich ihm viel verbundener als der Erde. Seit über sechs Jahren war sie nun schon hier. Ihr früheres Leben war inzwischen nur noch eine ferne Erinnerung, ein schwacher Abglanz einer längst vergangen Zeit. Ihr war, als hätte sie die »alte« Elisabeth auf der Erde zurückgelassen und wäre bei ihrer Ankunft hier neugeboren worden.

Die meisten ihrer Kollegen konnten nicht verstehen, warum sie sich freiwillig für einen One-Way-Einsatz auf diesem Planeten, auf dem das Leben oft sehr ungemütlich und voller Entbehrungen war, gemeldet hatte. Soweit man blicken konnte, gab es hier nur eine staubtrockene Wüste, die lebensfeindlicher war als jeder Winkel auf der Erde. Für Elisabeth war es trotzdem der schönste Ort im gesamten Sonnensystem. Sie hatte die Beschaffenheit aller anderen Welten, welche ihre Bahnen um die Sonne zogen, intensiv studiert: Die von Lava überflutete Oberfläche der Venus, die Gasatmosphären der vier Riesenplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun und die so unterschiedlichen Oberflächen der zahllosen Monde, welche diese Himmelskörper umkreisten. Keiner von ihnen strahlte diese bizarre Anmut aus, welche die hügelige, von Meteoritenkratern und längst erloschenen Vulkanen durchsetzte Oberfläche des Mars auszeichnete.

Elisabeth konnte sich selbst nicht so recht erklären, was sie daran so anziehend fand, aber manchmal schien es ihr, als wäre es ihre Bestimmung, auf einem Planeten zu leben, den bis vor nicht einmal einem halben Jahrhundert noch nie ein Mensch betreten hatte.

Seit ihrer Kindheit faszinierte sie der Gedanke, ein Raumschiff zum Mars zu besteigen. Es hätte ihr damals schon genügt, ihn einfach nur ein einziges Mal zu umkreisen. Den Roten Planeten schließlich sogar zu betreten, war ein Traum, der ihr selbst damals noch zu verrückt vorkam, um sich ihm auch nur für eine Sekunde hinzugeben. Und nun arbeitete sie hier, als Ingenieurin in der internationalen Marskolonie Columbia One. Die meiste Zeit ihres Lebens auf der Erde hatte sie darauf hingearbeitet, einen Ort zu besuchen, der für den Großteil der Menschen für immer unerreichbar war, aber sie hoffte, dass dies nicht ewig so blieb. Hier in der Kolonie war es ihre Aufgabe, dabei zu helfen, das große Ziel zu erreichen, auf das die gesamte Menschheit ihre Hoffnung für die Zukunft setzte.

»Na, sind Sie mal wieder am Träumen, Elisabeth?« Eine vertraute Stimme in ihrem Rücken riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah in das lächelnde Gesicht von Lakshmi Khanna, der 52-jährigen Direktorin von Columbia One. Die Inderin stand im Türrahmen und hatte sie offensichtlich schon einige Zeit beobachtet. Sie war einen Kopf kleiner als Elisabeth und hatte weiche, gütige Gesichtszüge.

Bevor Elisabeth etwas antworten konnte, kam sie einen Schritt näher und schloss die Tür hinter sich.

»Ich hoffe nur, dass Sie dabei nicht Ihre Arbeit vergessen.« Elisabeth musste ebenso lächeln. Die Direktorin war im Lauf der letzten Jahre zu der einzigen Person in der Kolonie geworden, zu der sie ein enges Vertrauensverhältnis pflegte. Weswegen es sie auch nicht störte, wenn sie von ihr ohne Vorankündigung in ihrem Labor – welches eigentlich ihr persönliches Allerheiligstes war – bei ihrem Tun unterbrochen wurde. Khanna wusste nur zu gut, dass man Elisabeth an manchen Tagen regelrecht dazu zwingen musste, sich von ihren Arbeitsplatz zu lösen, um ein wenig auszuspannen.

Columbia One zählte zurzeit 153 Bewohner aus zwölf Ländern, doch nur zu einem Bruchteil von ihnen hatte Elisabeth wirklich privaten Kontakt. Ihr Job war ihr wichtiger als alles andere.

»Sie kennen ja mein Motto: Träume sind Landkarten«, sagte Elisabeth. »Wenn ich mir nicht ab und zu vorstellen würde, wie dieser Planet aussehen wird, sobald unser Projekt vollendet ist, würde ich wahrscheinlich vergessen, wofür wir alle eigentlich hier sind.«

»Das Problem ist nur«, erwiderte Khanna, jetzt mit etwas mehr Ernst, »dass wohl keiner von uns den Tag erleben wird, an dem wir die Früchte unserer Bemühungen mit eigenen Augen sehen können.«

Elisabeth machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber Khanna hob beschwichtigend die Hände. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte Ihnen nicht Ihre Motivation nehmen.«

»Keine Sorge, das haben Sie nicht«, sagte Elisabeth. »Ganz im Gegenteil. Was gibt es für eine größere Motivation als für das Überleben der Spezies Mensch zu arbeiten? Aber ich glaube nicht, dass Sie mich besuchen, um mit mir über das Für und Wider unseres kleinen Projektes zu sprechen.«

Die Direktorin grinste kurz und offenbarte dabei ihre schneeweißen Zähne: »Nein. Ich denke, Sie ahnen schon, worüber wir reden müssen.«

»Natürlich. Ich weiß schließlich, welcher Tag heute ist. Die letzten 26 Monate sind ja wieder einmal wie im Fluge vergangen.« Elisabeth trachtete danach, die leichte Verbitterung in ihrer Stimme zu unterdrücken, was ihr jedoch nicht ganz gelang. »Wie viele von der Crew werden diesmal zur Erde zurückkehren?«

»66. Und von der Erde erwarten wir diesmal 75 Neuzugänge. Ich hoffe wirklich, dass ...«

»Ja, ja ich weiß«, unterbrach Elisabeth sie. »Vielleicht werden ein paar Leute dabei sein, die mit mir auf einer Wellenlänge sind, und mit denen ich mich anfreunden kann. Seien Sie mir bitte nicht böse: So langsam stört es mich schon ein wenig, dass Sie jedes Mal, wenn neue Kolonisten eintreffen, versuchen mich mit jemanden – wie soll ich sagen? – zu verkuppeln. Ich weiß Ihre Sorge um mich ja wirklich zu schätzen, aber ich möchte doch lieber selbst bestimmen, mit wem ich befreundet sein möchte und mit wem nicht.«

Die Direktorin starrte Elisabeth mit großen Augen an. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Besorgnis und Empörung. »Hören Sie, ich weiß ja wie viel Ihnen Ihre Arbeit bedeutet. Und ich bin mir bewusst, dass Ihr Privatleben eigentlich nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fällt,…«, sie ging einen Schritt auf Elisabeth zu, »…aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich mir sehr sicher, dass eine Freundschaft diese in keiner Weise behindern würde. Dass Sie sich den größten Teil des Tages hier in Ihrem Labor einigeln, kann nicht gesund sein.«

Als Reaktion auf Elisabeths leicht genervten Gesichtsausdruck legte Khanna etwas mehr Schärfe in ihre Stimme. »Ich kann keine Ingenieurin gebrauchen, die sich vor lauter Müdigkeit nicht auf ihre Aufgaben konzentrieren kann und daher Fehler macht. Daher befehle ich Ihnen, wenigstens zu versuchen, diesmal einige zwischenmenschliche Kontakte zu den Neuzugängen zu pflegen, verstehen Sie?«

Elisabeth lächelte schief. Seit sie ihre Stelle auf Columbia One angetreten hatte, hatte sie die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kommen und gehen sehen. Die meisten von ihnen waren ebenso intelligent und ehrgeizig wie sie selbst. Diese Eigenschaften gehörten einfach dazu, wenn man sich darauf einließ, für mindestens zwei Jahre an einem Projekt mitzuarbeiten, das vom Großteil der Erdenbewohner noch immer als leicht größenwahnsinnig angesehen wurde. Gerade deshalb fiel es ihr so schwer, mit ihnen in privaten Kontakt zu treten.

Sie war sich darüber im Klaren, dass auch ihre Vorgesetzte diese spezielle Form der Unsicherheit bei ihr bemerkte, und dass sie bisher nur zu taktvoll gewesen war, dies ihr gegenüber zur Sprache zu bringen. Lakshmi Khanna kannte Elisabeth, seit sie vor vier Jahren zur Direktorin von Columbia One berufen worden war. Elisabeth war die einzige Kolonistin, die seit ihrer Ankunft nie wieder zur Erde zurückgekehrt war. Khanna respektierte diese ungewöhnliche Entscheidung, weil sie genau wusste, wo die Gründe dafür lagen. Dass sie es als Chefin der Kolonie auch zu ihren Pflichten zählte, sich um das psychologische Wohlergehen aller Bewohner von Columbia One zu sorgen, fand Elisabeth irgendwie rührend.

»Wissen Sie, ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie eine ganz bestimmte Person im Sinn haben, bei der Sie sich eine freundschaftliche Beziehung zu mir vorstellen können.«